Newsletter Nr 50 Frühling 2026
Newsletter Nr 50
Liebe Interessierte, Freunde und Entpanzerte

Vertrauen versus Kontrolle
Vertrauen ist ein Geschenk. Ich vergebe es an Menschen, an Institutionen und an gesellschaftliche Gepflogenheiten. Wir vertrauen auf unser Geldsystem, auf die Idee der Menschenrechte, auf den Gedanken der Solidarität (z. B. beim Generationenvertrag). Wir reagieren verstört und fühlen uns betrogen, wenn diese Ideen sich aufzulösen scheinen. So einsetzende Verunsicherung löst Angst und Aggression aus, und wir begegnen diesen Gefühlen oft mit dem Wunsch nach Kontrolle, durch Gesetze, Rückzug und Abgrenzung, was aber nichts hilft, sondern den Vertrauensverlust nur verstetigt.
Auch im Bereich persönlicher Beziehungen drängen Vertrauenseinbrüche durch fehlende Kommunikation, gebrochene Vereinbarungen oder alltägliche Missverständnisse uns leicht in die Isolation.
Daraus erwächst dann häufig der Glaube an bzw. die Suche nach größtmöglicher persönlicher Unabhängigkeit: „Ich kann alles allein und brauche niemanden.“
Und irgendwann realisieren wir dann, dass wir uns einsam und überfordert fühlen, alles allein zu halten, zu verwalten und zu kontrollieren zu müssen.
Wir glauben, wir müssten finanziell, sozial und sexuell unabhängig agieren können, und wir mühen uns ab, die volle Verantwortung für unsere eigenen Belange zu übernehmen. Das reicht bis hin zur Kontrolle über unser Alter in Form von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Wir wollen im Namen unserer Würde und Eigenständigkeit sogar den Tod und das Sterben selbst in die Hand nehmen, und all das oft mit gutem Grund, wenn wir an die zunehmende Vereinzelung in modernen Metropolen ebenso wie auf dem Land denken. Und dennoch – das Leben lässt sich nicht kontrollieren, und die Verbindung zu anderen Menschen ist das, was letztendlich Sicherheit und Stabilität schafft.
In den letzten Monaten hatten und haben mein Mann und ich persönlich die Erfahrung machen können und müssen, zusätzlich zu den Problemen, die das Leben mit Morbus Parkinson bereithält, auf Hilfe und Unterstützung angewiesen zu sein. Unser Familien- und Freundessystem hat uns in Monaten verletzungsbedingter Einschränkungen getragen und gestützt. Gleichzeitig hat uns die Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzlichkeit in erstaunlichem und durchaus auch beängstigendem Maße erschüttert. Zu erleben, wie plötzlich durch einen Unfall, einen Sturz oder Ähnliches uns die Gesundheit in Form von Unverletztheit und der darin oft als selbstverständlich erlebten Handlungskompetenz entgleiten kann, ist schockierend. Wenn das System schon länger durch eine fortschreitende Erkrankung wie bei uns oder andere Faktoren belastet ist, können plötzliche, unerwartete Krisen unser Vertrauen ins Leben von einem Moment zum anderen in Frage stellen.
Ganz persönlich hat uns das, entsprechend unseres Temperamentes, in Zustände der Trauer und Resignation oder des Aufbegehrens und der Wut versetzt. In der Paardynamik sind beide Tendenzen wenig hilfreich, und es brauchte Geduld und einige Auseinandersetzungen, den eigenen Schock, die Frustration und Hilflosigkeit anzuerkennen und miteinander zu teilen. Unser gegenseitiges Mitgefühl ist daran gewachsen.
Mir hat am meisten geholfen, mit meinen emotionalen Zuständen in Kontakt zu sein, FreundInnen und Familie einzubeziehen, mich den schwierigen Gefühlen zu stellen und zu merken, dass ich darin verstanden werde, ohne dass die Menschen mich bemitleiden oder verurteilen. Es hilft, als schamvoll erlebte Innenwelten zu teilen und zu bemerken, wie sie sich in der gemeinsamen Akzeptanz auflösen oder zumindest weniger einnehmend werden. Dazu brauche ich das Vertrauen, als Mensch mit meinem Licht und meinem Schatten, meiner Stärke und meiner Schwäche dasein zu können.
Das Fazit aus den letzten Monaten im Angesicht der erlebten Unterstützung ist, dass es effektiver, menschlicher und friedenstiftender ist, auf Vertrauen zu setzen, anstatt zu versuchen, um jeden Preis in Kontrolle zu sein.
Ich wünsche uns allen die Gelegenheit, den Mut und die Weitsicht, tragfähige und vertrauensschaffende soziale Bezüge zu entwickeln. Jeden Tag in diesem Frühling kann ich in meinem persönlichen Umfeld weitere Samen dafür säen.
Anke Mrosla
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Ein berührendes und oftmals schmerzhaft ehrliches Buch.